Erinnerungen von vier Schülerinnen an die Freie Goetheschule

Erinnerungen von Frau Ellen Henning
mitgeteilt Januar und März 2011
Während der Errichtung des Schulbaus in Farmsen hatte ich Frau Henning kennen gelernt, als sie gemeinsam mit Frau Koch regelmäßig dafür sorgte, dass Essen für die "Elternmitarbeit" bereit stand. Und die Mittagspause bei einer warmen Mahlzeit bedeutete für uns alle, die am Bau beteiligt waren, eine wiederkehrende Gelegenheit, einander kennen zu lernen und den weiteren Arbeitsverlauf abzustimmen.
Frau Henning hatte die Freie Goethe Schule, den Ursprung der Wandsbeker Schule, besucht, hatte ich erfahren. Und hin und wieder hatte Frau Henning, wenn es sich ergab, während der Pausen auch ein wenig davon erzählt. Das war aber von vielen Ereignissen im Verlauf von zwanzig Jahren überlagert und die Einzelheiten von mir vergessen worden.
Endlich hatte ich Frau Henning einmal angerufen.
Schon bei der Verabredung des Besuches hatte ich mich am Telefon nach Einzelheiten aus dem Leben von Hans Pohlmann erkundigt, weil man von ihm kaum etwas Persönliches weiß. Nicht einmal Geburtsdatum oder Ort sind bisher bekannt. So begann Frau Henning mit ihrer Erinnerung an Familie Pohlmann.
Wissen Sie, der jüngere Sohn von Herrn Pohlmann, Werner, und ich waren Klassenkameraden. Wir kamen gut miteinander aus, und so kam es, dass ich häufiger zum Besuch eingeladen wurde. Das war immer ein richtiges Ereignis! Das Grundstück am Ziegeleiweg 50 war riesig! Dort standen die Fabrikhallen und auch im Freien wurde von den Zimmerleuten gearbeitet. Überall durften wir hin und zusehen. Am aufregendsten aber waren die großen Teiche. Da waren Boote, mit denen wir rudern durften. Und meist wurde gleich zu einer kleinen Insel übergesetzt. Dort hatten wir eine kleine Hütte gebaut. Und in einem alten Ofen oder auch im Freien durften wir Feuer machen. Wie richtige Robinsons kamen wir uns dabei vor. Begegneten wir Herrn Pohlmann, dann war er stets sehr freundlich, ging aber nicht auf einen zu, sondern wartete ab, bis wir eine Frage wagten oder ein Anliegen vortrugen. Dann ging er liebevoll darauf ein oder lehnte aber auch, wenn Bitten zu weit gingen, besonnen, freundlich, aber entschieden ab.
Als Kind nimmt man ja nicht so besondere Einzelheiten auf. Man nimmt mehr so die Stimmung im Haus und in der Familie der Freunde wahr, bei denen man zu Besuch ist.
Im Hause Pohlmann wirkte für uns Kinder aus normalen Elternhäusern alles sehr reich und wohlhabend. Die Pohlmann-Kinder mussten nichts entbehren. Sie konnten über alles verfügen und waren mit guten Spielsachen in Fülle ausgestattet. Aber weder Kinder noch Erwachsene waren auch nur die Spur eingebildet! Das gab es bei Pohlmanns überhaupt nicht. Trotz Wohlhabenheit lebten sie in schlichter, unaufdringlicher, ja bescheidener Weise.
Frau Emilie Pohlmann erzog ihre Kinder mit Liebe und Sorgfalt. Sie verstand das Haus der gesellschaftlichen Stellung des Unternehmers Hans Pohlmann angemessen zu führen. Und an den lebhaften geistigen Interessen von Hans Pohlmann nahm sie ebenso regen Anteil, wie an der Gründung der Schule, deren Einrichtung, schließlich am Bau der Schule an der Bleicherstraße und der Bildung der Chritstengemeinschaft. Dafür hatte sie in einer der großen Fabrikhallen einen besonders schön ausgestatteten Raum eingerichtet, in dem sich die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft versammeln konnten und sonntags die Menschenweihehandlung der Christengemeinschaft gehalten wurde.
Das ist leider schon alles, was an Erinnerung an die Besuche bei Familie Pohlmann wieder auftaucht. Vielleicht noch eine Ergänzung: die Pohlmann-Kinder machten dank der Fürsorge ihrer Mutter einen gesunden und zufriedenen Eindruck. Bei keinem von ihnen kam jemals etwas von Hochmut oder Eingebildetheit darüber zum Ausdruck, dass ihr Vater doch die Schule und alles was dazu gehörte gestiftet hatte. Sie waren genau so wie wir alle: zufriedene, humorvolle und auch dankbare Schüler der Freien Goethe Schule.
Mein Elternhaus stand in Blankenese, am Strandweg 25. Vier Generationen der Familie Voegt lebten unter einem Dach! Mein Vater arbeitete im Überseehandel in China. Daher konnte er nur selten zu Hause sein. Alle fünf Jahre bekam er Urlaub für sechs Monate. Anfangs war er in Schanghai, anschließend in Hongkong tätig und ging dann nach Java. Durch das lange Leben in Asien hatte er sich wohl sehr verändert. Er schloss sich dem Budismus an und wurde schließlich sogar budistischer Mönch! Dann starb er 1927 in Surabaya an den Folgen einer Grippe. Für Europäer bedeutete eine Grippe in Asien damals häufig den Tod.
In diesem Jahr, in dem mein Vater gestorben war, kam ich in die Schule. Meine Schwester, zwei Jahre älter als ich, hatte bereits das zweite Schuljahr in der Volksschule in Blankenese erreicht, als wir beide auf die Freie Goethe Schule in Wandsbek kamen.
Wie das kam? Mutter und Großmutter hatten schon seit Jahren die Zweigabende der Anthroposophischen Gesellschaft in Blankenese besucht. Und beide meinten, dass nun die Freie Goethe-Schule für ihre Kinder und Enkel das Richtige sei, trotz des langen Weges von jeweils eineinhalb Stunden! Beide sollten auf die Freie Goethe-Schule! Ich und meine Schwester - wir waren aber wie Katze und Hund, konnten uns einfach nicht miteinander vertragen. Das wurde, als wir älter wurden nur noch schlimmer mit uns beiden! Meine Schwester fing früh das Rauchen an und sprach auch dem Alkohol zu. Beides für mich undenkbar! Wenn wir später bei ihr in Holland, wohin sie sich verheiratet hatte, waren, merkte ich, wie sie meinen Kindern das letzte Ende der aufgerauchten Zigaretten zusteckte. Da hatte ich mein Tun, das zu unterbinden! Aber genug davon!
Zu Anfang musste die ältere Schwester mich natürlich an die Hand nehmen. Aber das wurde schnell überflüssig, denn ich wusste natürlich den Weg sofort auswendig! Und es gab Klassenkameraden in Blankenese! Natürlich fuhren wir dann morgens mit der S-Bahn immer alle im selben Abteil, und von Station zu Station stiegen die anderen Klassenkameraden aus den Elbvororten zu. So dass lautstark ein reger Meinungsaustausch über Lehrer und Unterricht stattfand!
Ja, wir liebten unsere Schule und die Lehrer. Was uns allerdings nicht davon abhielt, allerlei Streiche auszuhecken und auszuführen. Unser Klassenlehrer war Herr Dr. Theberat. Er wirkte richtig behütend auf uns. Wenn er zu Elternbesuchen kam, dann pflegte er uns Abends am Bett aufzusuchen und eine Geschichte zum Einschlafen zu erzählen.
Trotz seiner Umsorgung kam es mal zu einem Missgeschick. Und das ausgerechnet bei mir!
Regelmäßig war mindestens einmal in der Woche Malen mit Wasserfarben. Um das Papier anzufeuchten, wurde eine Wanne in der Klasse aufgestellt und mit Wasser gefüllt. Dahinein hatte jeder sein Blatt einzutauchen und es anschließend auf seinem Malbrett auszubreiten, es glatt zu streichen und ein wenig antrocknen zu lassen.
Nun, jeder will da an die Wanne, damit mit dem Malen begonnen werden kann. Bei dem aufkommenden und unvermeidlichen Gedrängel will ich eben mit meinem Blatt weggehen und stehe bereits mit dem Rücken zur Wanne, das Blatt mit beiden Händen vor mich haltend. Unversehens spüre ich eine leichte Ellenbogenberührung, weil sich jemand umgedreht hat, da sitze ich schon plattschend im kalten Wasser! So klein, wie ich bin, füllte ich die Wanne völlig aus.
Und das Wasser schwappte weit über den Fußboden hin. Bis mich eine rechts die anders links an den Händen aus der Wanne befreiten.
Was nun? Nach Hause? Bis nach Blankenese? Zwei Klassenkameradinnen brachten mich zur Hausmeisterwohnung von Herrn Stange. Die Frau des Hausmeisters half mir beim Ausziehen und wickelte mich fürs erste in eine Wolldecke. Darin blieb ich, bis Unterwäsche und Kleid am glühend heißen Herd getrocknet waren und saß in der kleinen Küche mit einer Tasse warmen Tees an den Lippen. Aber nach einiger Zeit ging es dann wieder zurück in die Klasse. Wir hatten dann einen Lehrerwechsel. Herr Schümann übernahm unsere Klasse. Wohl weil Herr Dr. Theberat in der Oberstufe mehr Chemie zu unterrichten hatte.
Wenn es in einer Klasse im dritten Schuljahr an die Handwerker-Epoche ging, dann fuhr der Lehrer mit den Kindern gern nach Cranz. Dort stand eine Windmühle, die noch in Betrieb war. Und da mein Großvater den Müller gut kannte, betreute er den Besuch in der Mühle. Aber erstmal kamen alle zu uns in den Garten, wurden mit Saft oder kaltem Tee gegen den Durst nach der langen Fahrt bewirtet. Wenn dann auch jeder nochmal zur Toilette war, ging es zum Bullen. So hieß die Anlegestelle Blankenese bei vielen, weil der Fährdampfer "Bunte Kuh" dort festmachte. Dann wurde nach Cranz übergesetzt und zur Mühle marschiert. Das Gebäude, die vier Windflügel, der Antrieb und die Mahlsteine selber, das Wetter, die Gefahr bei Sturm und Gewitter - alles wurde vom Müller selber erklärt und gezeigt und auch seine eigene Arbeit von ihm selber anschaulich und humorvoll dargestellt und vorgemacht. Für viele eine bleibende Erinnerung!
Wenn wir in der Schule im Unterricht selber nicht viel davon merkten: die Nazizeit hatte vor der Freien Goethe Schule nicht Halt gemacht. Als die Waldorfschulen 1936 keine erste Klasse und auch keine anderen Schüler mehr aufnehmen durfte, fehlte uns zwar das Gewusel der Kleinen, aber sehr bedrohlich wirkte das auf uns noch nicht. Und dann blühte ja Hoffnung auf, als es im Frühling 1939 heiß, unsere Schule sei vom allgemeinen Verbot der Waldorfschulen ausgenommen worden.
Sie dürfe weiter bestehen und auch neue erste Klassen aufnehmen! Als wir dann aber im September aus den Ferien zurückkamen, da standen wir vor den verschlossenen Türen der Freien Goethe-Schule.
Die schöne Zeit an der Freien Goethe-Schule! Nun war sie für uns alle unwiederbringlich vorüber! Der Schulpflicht hatte ich damit zwar genügt. Viele von uns wechselten an andere Schulen, vor allem an in erreichbarer Nähe liegende in Schleswig-Holstein, zum Beispiel in Ahrensburg.
Meine Schwester arbeitete bereits als Telefonistin und ich wollte meiner Mutter auch nicht länger auf der Tasche liegen. Ich beredete mit ihr, dass ich eine Ausbildung beginnen wolle. "Aber weißt denn überhaupt, was du werden willst?" Das wusste ich allerdings überhaupt nicht! "Na, dann gehen wir doch am besten mal zur Berufsberatung. Was meinst du?"
Aber alles, was damals für Mädchen in Frage kam - für mich war das alles nichts: Kindergärtnerin, Krankenschwester, Hauswirtschaft, Schneiderin, Stenotypistin, Köchin, Bäckerin? In der Landwirtschaft? Seidenraupenzucht, Tierzucht . . . . Nichts davon sagte mir zu.
Der Berater verzweifelte fast, bis ihm ein Brief aus Bremen einfiel. Als er den vorlas, sage ich sofort: "Ja, das ist es! Das will ich lernen!" Eine Imkermeisterin, übrigens, wie ich später erfuhr, die erst deutsche Imkermeisterin überhaupt, bot einen Ausbildungsplatz an. (Na, jetzt bin ich übrigens zur Zeit die älteste Imkermeisterin in Deutschland!) Der Umgang mit den kleinen Lebewesen sagte mir vom Gefühl her gleich zu! Ich schrieb gleich an Fräulein Bornemann und bewarb mich um die Lehrstelle.
Ich erhielt sehr rasch Antwort, ich möge sie besuchen, damit wir uns kennen lernen können. Obwohl ich durchaus allein nach Bremen fahren wollte, begleitet meine Mutter mich. Auch um sich zu vergewissern, in was für Verhältnisse ich dort geraten würde!
In Bremen kamen wir mit der Linie 4 in Borgfeld richtig an. Und da stand Fräulein Bornemann mit dem Fahrrad, um uns in Empfang zu nehmen und meinen Koffer zu transportieren. An Ort und Stelle überreichte ich Fräulein Bornemann den kleinen Blumenstrauß zur Begrüßung. Und wie sie den Bund lockerte, um die einzelnen Blüten genauer zu betrachten, summte eine Biene herbei und saugte Nektar. Das war für mich ein gutes Vorzeichen! Fräulein Bornemann führte uns im Ort zur geräumigen Villa ihrer Eltern, die auf einem recht umfangreichen, sehr gepflegten Grundstück lag. Schon vor der Haustüre war Musik zu hören. Und im Hause selber tönten vom Keller bis zum Dach Übungen auf Klavier, Querflöte, Geige, Cello, Klarinette - fast jedes Instrument war vertreten.
Der Vater von Fräulein Bornemann war ebenfalls Überseekaufmann in China gewesen. Dort war auch seine Tochter geboren worden und aufgewachsen. Aber bei Beginn des 2. Weltkrieges war die Familie von den Engländern, wie andere deutsche Kaufleute auch, ausgewiesen worden und nach Hamburg zurück gekehrt. Kurz darauf war der Vater wohl wegen der erlittenen Unbilden und Verluste und Kränkungen verstorben, und Mutter und Tochter hatten im Haus des Bruders der Mutter Zuflucht gefunden. Sie wohnten im ersten Stockwerk in der Mitte des Hauses, umgeben von der Musik der Cousinen und Cousins. So kam ich sozusagen in eine verwandte Berufsumwelt. Herr Bornemann hatte aber, wohl durch enge Verbindungen zu Reedereien, reichlich des beträchtlichen Hab und Gutes mitnehmen können. Und als ich das Wohnzimmer betrat verschlug es mir fast die Sprache! Der Raum war gänzlich mit kostbarsten chinesischen Möbeln und Kunstwerken der verschiedensten Art eingerichtet!
Sollte mir das wohl gefallen, in einer so großen Familie von freundlichen und wohlwollenden Menschen eine interessante Lehrzeit zuzubringen? Umgeben von Musik und jungen Leuten, die schon mehr von der Welt gesehen hatten als ich? Und auch von meiner Mutter kam kein Einwand. So begann meine Ausbildung als Imkerin. Im selben Stockwerk erhielt ich "die blaue Grotte", ein kleines Zimmer mit Blick auf den Garten, in dem im Frühling nachts der Gesang der Nachtigall zu hören war.
In einer Nische in der Wand stand eine vergoldete Skulptur. Die steht auch heute noch hier in meinem Wohnzimmer. Denn in späterer Zeit hatte ich immer wieder etwas von den Kunstschätzen der Familie Bornemann geerbt. Schnell gehörte ich zur Familie wie Kind im Hause! Die Imkerei lag am Ende des Gartens. Als später das Grundstück geteilt wurde, zogen wir mit den Bienen in die Nachbarschaft zu befreundeten Bauern. Und mir verging die Zeit wie im Fluge!
Zu jeder anstehenden Prüfung im Verlauf der Ausbildung begleitete mich Fräulein Bornemann. Während der Meisterprüfung, die in Celle stattfand, hielt ein besonders eleganter SS-Offizier eine Ansprache. Zwangsläufig werde es im begonnen Kriege viele Schwerverletzte geben, für die gesorgt werden müsse. Er könne ein ganz besonderes Angebot unterbreiten: in direkter Nähe von Hitlers Residenz Obersalzberg werde eine Imkerei eingerichtet, in der kriegsversehrte SS-Leute die Ausbildung zum Imker erhalten sollen. Es werde eine Meisterin für die Leitung der Ausbildung gesucht.
Ich hatte zunächst richtig Lust, die Aufgabe zu übernehmen. Aber über Nacht wandelte sich meine Meinung. Denn ich stellte mir vor, wie gefährdet gerade dieser Ort in Kriegszeiten sein müsse. Und sagte am nächsten Morgen ab.
Der Offizier wirkte recht enttäuscht und konnte sich nicht vorstellen, dass jemand eine solche Aufgabe in direkter Nähe des Führers ablehnen könnte. Ich begründete die Ablehnung, indem ich auf meine geringe Körpergröße hinwies und fragte: "Alle die stattlichen, großen SS-Soldaten und ich dann so klein - was sollte das denn wohl geben?" Von der von mir vermuteten Gefahr erwähnte ich nichts. So zog ich den Kopf aus der Schlinge.
Lange nach Kriegsende fuhr ich mit meinem Mann dorthin. Wir sahen die weiten Trümmerfelder und Zerstörungen. Es hätte sicher mein frühes Ende bedeutet, wäre ich damals dorthin gegangen.
Im Umgang war Fräulein Bornemann zwar freundlich, herzlich, humorvoll aber stets förmlich in der Ansprache, immer per "Sie" und "Fräulein Voegt". Man kann sich meine völlige Überraschung vielleicht vorstellen, als sie mir im Hamburger Hauptbahnhof auf dem Rückweg von der bestandenen Meisterprüfung plötzlich herzhaft die Hand schüttelte, mir nochmals gratulierte und dann aus ihrer Tasche einen Ring hervorzog mit den Worten: "Zwei Dinge möchte ich anbieten: den Meisterring für die Hand der Imkermeisterin und das "Du". Denn ich habe in dieser Lehrzeit alles was ich selber an Erfahrung gesammelt habe, an eine sehr fleißige junge Kollegin in der Imkerei weiter geben können." Beinah hätte ich sie umarmt! Aber wie hätte das ausgesehen? Ich so klein und sie so stattlich? Aber sehen Sie: den Ring trage ich immer noch hier an meiner Hand!
Später haben mein Mann und ich Fräulein Bornemann häufig besucht. Vor allem als sie im Alter etwas auf Hilfe angewiesen war und in Salzburg lebte, waren wir wohl sechs, sieben mal im Jahr bei ihr, um nach ihr zu sehen und sie zu unterstützen. Sie wurde nahezu 90 Jahre alt.

Erinnerungen von Frau Dr. med. Küstermann
mitgeteilt im September 2010
Der Besuch der Freien Goethe-Schule von 1932 bis zur Schließung während der nationalsozialistischen Zeit 1939 ist für mein ganzes Leben von prägender Bedeutung. Aber wie ich dahin gekommen bin, das ist eine sonderbare Geschichte.
In Wilhelmsburg wohnten wir damals. Meine Eltern hatten erfahren, mein Bruder, vier Jahre älter als ich und in der ersten Klasse, sei seit längerem nicht in der Schule erschienen. Mein Vater war Studienrat und suchte sofort den Lehrer der Klasse auf. Um die Ursache des Schwänzens zu ermitteln, bat er von Kollege zu Kollege, ihm doch vom Unterrichtsablauf zu berichten. "Als erstes prügele ich morgens alle einmal durch! Dann ist Ruhe.", so begann dieser, "Ihr Kind, als Sohn eines Studienrates allerdings, habe ich selbstverständlich nie angerührt." Schon das war das Signal, dass etwas geändert werden musste. Mein Bruder teilte auf Befragen freimütig mit, er habe immer den Waschbären im Keller des Zahnarztes besucht, um diesen zu beobachten und richtig kennen zu lernen. Die Eltern hörten sich im Freundeskreis um. Wage erfuhren sie, in Wandsbek solle es eine Goetheschule geben, über die erfreuliches berichtet werde. Daraufhin wurde die Freie Goethe-Schule zu Veranstaltungen besucht. Mit 5 Jahren wurde ich in das Oberuferer Paradeisspiel mitgenommen. Das hat mich natürlich mit dem Teufelsgebaren, das darin drastisch vorkommt, über Tage hin verfolgt. Und später habe ich es immer richtig gefunden, so junge Kinder das nicht sehen zu lassen. Mein Bruder wurde angemeldet und schwänzte nicht mehr! Nun wollte ich auch in die Schule. Ich wollte Lernen! In meinem Eifer fragte ich fremde Leute auf der Straße über die Buchstaben an den Schaufenstern aus. Und manchmal bekam ich geduldig und schmunzelnd Auskunft. Verblüffung allerdings erregte, dass ich in der Straßenbahn den Eltern vorlas: "Sind's die Augen, geh zu Ruhnke!" Das stand da damals ja überall. Gibt's die Reklame wohl heute noch?
Jetzt lebe ich seit 46 Jahren im Ruhrgebiet. 1972 war ich zur 50-Jahr-Feier in der Wandsbeker Schule. Und im Vergleich mit den Kindern im Ruhrgebiet in meiner Praxis kamen mir die Kinder in Wandsbek kindlicher, gelassener, wie mit besseren Nerven begabt vor.
Zurück zum Schulbeginn. Zu Fräulein Dr. Meyer kam ich in die erste Klasse. Sie unterrichtete besonders anschaulich und bildhaft. Zu den Buchstaben erzählte sie phantasievolle Geschichten und ließ uns die Formen in großen Bewegungen nachbilden, auf dem Schulhof laufen oder hat uns z.B. das große G aufstellen lassen. Und danach begannen wir erst mit dem Schreiben. Dass ich das selbständig erlernte Lesen, schon konnte, hatte sie und mich dabei überhaupt nicht gestört.
Ein eindrucksvoller Höhepunkt war der Besuch vom Nikolaus in der Klasse. Erst später erfuhren wir, es war Herr Priess gewesen, der Geschäftsführer der Schule.
Wir hatten es ihr in der siebten Klasse allerdings recht übel genommen, dass sie, ohne uns um Rat zu fragen, den bei uns weniger beliebten Herrn Froebe geheiratet hatte. Aber sie war eine phantastische Lehrerin! Nur eine Situation: im dritten Schuljahr fehlte in der Klassenkasse ein Groschen. "Na, sowas kann vorkommen. Meinen Hut lege ich auf den Tisch. Wir gehen alle hinaus. Dann geht jeder von uns alleine hinein. Und wer den Groschen genommen hat, legt ihn wieder unter den Hut." Die Prozedur verlief, wie vereinbart. Nur fanden sich danach mehrere Groschen unter dem Hut. Einige von uns hatten also das unangenehme Vorkommnis auf diese Weise wieder in Ordnung zu bringen versucht. Und im nachhinein nur zu bewundern, wie sie nach einer Form gesucht hatte, die niemanden bloßstellen sollte.
Etwas leichtsinnig allerdings hatte Frau Dr. Meyer-Froebe zu Schwierigkeiten beim Rechnen geäußert, sie selber habe das auch nie so richtig verstanden. Das hatte zur Folge, dass wir die Zahlen eben auch nicht mehr so richtig ernst nahmen.
Ja, Herrn Doktor Kändler habe ich auch noch erlebt! Die Sonntagshandlung für die Kinder wurde im Saal auf der Bühne gehalten. An der Türe stand Herr Kändler hoch aufgerichtet vor jedem Kind, hielt behutsam die Hände auf dessen Kopf und sprach die Einleitungsworte zu jedem einzelnen Kind. Wie der ernste und treue Wächter am Tore kam er mir dabei immer vor.
Meine Mutter und Frau Dr. Meyer-Froebe befreundeten sich miteinander. Meine Mutter begann, sich mit Anthroposophie auseinanderzusetzen. Und von meiner Mutter kamen auch für Gisela Janssen die ersten Anregungen zur Beschäftigung mit Anthroposophie.
Nach dem Krieg, nach einer Zeit als Lehrerin an der Albert Schweitzer Schule, erhielt sie den Auftrag, die Rendsburger Waldorfschule zu gründen. Auch an der Ausbildung für Waldorflehrer war sie dann lange rege beteiligt.
Bei einem letzten Klassentreffen besuchten Klassenkameradin Hilla Tavadia und ich noch einmal Frau Meyer-Froebe in dem Altenheim an der Elbschaussee, wo sie gut versorgt zu werden schien. Wir erinnerten mit ihr die Zeit in unserer Klasse. Und fragten, woher sie stets spontan die Ideen für den Unterricht genommen hatte und niemals geschimpft habe. "Ja, man muss stets gut vorbereitet sein.", war ihre schlichte Antwort.
Ein Telemann-Duett für Flöte und Geige hatten wir ausgesucht. Nach dem Vorspiel, sie saß dabei auf der Kante ihres Bettes, sagte sie nach kurzem Schweigen: "Also, ihr habt aber große Fortschritte gemacht!"
Beim Verabschieden antwortete sie: "Aber hier werdet ihr mich dann wohl nicht mehr finden können."

Erinnerungen von Frau Hannelore Vierl-Kittel
mitgeteilt im Februar und März 2011
Erste Schulbegegnung: Mutter und ich stiegen am Wandsbeker Markt aus der Straßenbahn, gingen die Litzowstraße hinunter und rechts in die Bleicherstraße; da stand das Schulgebäude. Ein querstehender Bau mit Gartenanlage davor. Rechts und links ein Vorbau. Links die große Tür führte in die Schule, rechts war im Parterre die Schularztpraxis von Dr. Fritz Rascher, später Dr. Thylmann. Im ersten Stock die Wohnungen von Dr. Kändler, dem Schulleiter, und Familie Stange, dem Hausmeister.
An der Eingangstür war ein großer Holzgriff, und Mutter sagte: "Die Tür musst du alleine öffnen." Es gelang, ich zog tüchtig, und wir gingen hinein und eine Treppe hinauf. Uns öffnete Frau Kändler die Tür und führte uns in das Arbeitszimmer ihres Mannes. Da empfing uns ein alter Herr mit schneeweißem Haar und leuchtend blauen Augen. Er sagte dann: "Du willst zu uns in die Schule kommen?" Ich habe bestimmt freudig "Ja!" gesagt und ich fühlte mich in Wärme und Güte eingehüllt. "In der Schule wirst Du ganz froh sein bei Deinem Lehrer Herrn Müller." Mutter und Dr. Kändler sprachen noch miteinander, und wir verabschiedeten uns.
Dann kam der Einschulungstag. An der Schultür empfing uns ein großer schlanker Mann, stellte ich als Heinz Müller vor und brachte uns in die 1. Klasse. Ein tief rot gestrichener Raum mit Fenstern auf den Vorgarten. Als alle versammelt waren, führte Herr Müller uns Kinder in die wunderschöne Aula, und wir saßen in der ersten Reihe. Ich erinnere nur noch, dass die ganze Schulgemeinschaft das Lied "Die Mutter Sonne" sang, wir in unsere Klasse geführt wurden, und Herr Müller uns etwas erzählte, aber was? Ich weiß es nicht mehr.
Wenn wir morgens kamen, stand Herr Müller schon in der Klasse, begrüßte jedes Kind. Einmal (ich war sehr klein) hob er mich hoch, warf mich in die Luft und fing mich mit seinen so sicheren Händen auf. Heute denke ich, in diesem Moment knüpfte sich ein Band, das uns über seinen Tod hinaus bis heute verbindet.
Bis zur 4. Klasse wuchs die Schülerzahl so sehr, dass die Klasse geteilt werden musste. Ich durfte bei Herrn Müller bleiben, die andere Klasse übernahm Herr Schiller.
1936 wurde der Schule untersagt, eine 1. Klasse, wie auch andere Schüler aufzunehmen, ausgenommen Kinder aus anderen Waldorfschulen.
Der zuständige Schulrat Scheer war der Schule wohlgesonnen, konnte aber nicht helfen, er bedauerte, dass manche unserer Lehrer kein 2. Examen hatten. Er selber wurde als Freimaurer in den Volksschuldienst zurückversetzt.
Dann erschienen immer wieder Kommissionen, die die Schule überprüfen sollten. In der Klasse stand ein Tisch mit unseren Epochenheften, in denen geblättert wurde, dann gingen sie wieder und nichts geschah.
Erst 2010 sind Dokumente entdeckt worden, in einem soll es heißen, "dass die Freie Goethe Schule in Wandsbek vom nationalsozialistischen Geiste völlig unberührt geblieben ist!" Das war in damaliger Zeit ein vernichtendes Urteil.
1939, einen Tag vor den Osterferien, warteten wir vergebens auf unsere Eurythmielehrerin Hedwig Diestel, dann kam Heinz Müller und sagte: "Wir sind genehmigt!" Wir stürzten alle in die Aula und Dr. Kübler verkündete uns die gute Botschaft. Nun konnten wir eine 1., 2., 3., 4. Klasse aufnehmen und neue Schüler. Mit dieser Hoffnung gingen wir in die Osterferien. Für unsere Klasse begann nach den Osterferien die 9. Klasse, die Oberstufe.
Nach den Osterferien waren die vier unteren Klassen eröffnet, unsere Schule war wieder ein Ganzes. Unsere Klasse bekam Renné Maikowski, der aus Hannover gekommen war, die Parallelklasse übernahm Dr. Galsterer, der aus Breslau kam.
Beide Schulen waren geschlossen worden. Herr Maikowski gab Deutsch und Geschichte, Dr. Galsterer Chemie. Diese Epochen begeisterten uns alle. Ein wunderschönes Halbjahr hatten wir bis zum Herbst 1939. Der Überfall auf Polen hatte begonnen. Nach den Herbstferien standen wir vor verschlossener Türe. Unsere Lehrer wurden eingezogen oder auf Kleiderkarten- und Ernährungsämter verteilt. Dann stellte sich bald heraus, dass die Lehrer von der Gestapo überwacht wurden. Die Schüler bis zur 8. Klasse mussten auf Volksschulen gehen, Mittel- und Oberschulen durften uns in Hamburg nicht aufnehmen. Wohl aber war dies in Preußen möglich, zum Beispiel in Ahrensburg.
Fast ein Jahr später, im April 1940, versammelten wir uns alle zu einer Abschluss-Monatsfeier im Saal unserer alten Schule. In einer Ansprache wurde uns mitgeteilt, dass die Schule in die Selbstauflösung getrieben worden war, indem man ihr die tragenden Kräfte entzogen hatte. Dankbarkeit für die zurück liegenden siebzehn Jahre des Bestehens und die Hoffnung auf einen Wieder- und Neubeginn wurden ausgesprochen. Es gab Musik von Herrn Steinmann. Und ältere Schüler gaben ebenfalls ihrer Dankbarkeit Ausdruck.

Aus dem Schulleben
Wenn wir auf dem Schulhof Kriegen spielten und Herr Dr. Kändler tauchte auf, dann war er im Nu von uns umgeben. Es war wie ein leichter Segen, wenn er jedem von uns die Hand gab.
Herr Altemüller führte die Hilfsklasse, in der einige so schwer erkrankte Kinder waren, dass sie uns während der gemeinsamen Pausen auf dem Schulhof regelrecht Angst einflößten. Aber Herr Altemüller kam dazu, und die Kinder waren beruhigt.
Etwas ganz Wichtiges waren die Weihnachtsspiele. Das Paradeis und Christgeburtsspiel wurde am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien aufgeführt, das Dreikönigsspiel am 6. Januar, am ersten Schultag des neuen Jahres.
Im Paradeisspiel war Heinz Müller Gottvater, Hedwig Diestel Eva, Dr. Schüler Adam, Beatrice Müller der Engel, und Herr Altemüller der Teufel. In diesem Spiel war wichtig, dass der Teufel sein Revier hat und nicht über die Mitte in den Bereich des Engels kommt, erst wenn Gottvater sagt: "Pack di weg Satan!" fällt er über die Mitte hin nach rechts.
Zu Dr. Steiners Geburtstag am 27. Februar wurde das Märchen vom Quellenwunder, von Dr. Steiner, aufgeführt. Die Wassertropfen wurden von Sechstklässlern, die drei Frauen von unseren Eurythmistinnen, der Knabe und der Mann von einem älteren Schüler gestaltet. 1946 bei einem Treffen Ehemaliger berichtete mir ein Schulkamerad folgendes: "Das Märchen vom Quellenwunder hat mir das Leben gerettet. Ich war verschüttet im Krieg, und es bestand keine Hoffnung auf Rettung. Da fielen mir die letzten Worte des Märchens ein: '. . . wie ein wilder Drache in Kreisen um ihn her sich schlich und nicht ihm nahen konnte, es schützten ihn vor jenem Drachen die Wesen, die er einst am Felsenquell geschaut, und die mit ihm zum fremden Ort gezogen waren.' - Da habe ich dann ruhig geatmet und der Sauerstoff hat gereicht, bis sie mich fanden."
Vor Beginn der Sommerferien wurde von uns gern "Hinaus in die sonnenerleuchtete Welt . . ", gesungen, Gedicht von Fercher von Steinwand, Melodie von Hans Baumann. Ich frage mich, ob das heute noch geschieht?
Was waren das für besondere Persönlichkeiten, die uns bis dahin begleitet und unterrichtet hatten! Herr Dietrich Steinmann gab allen Musikunterricht und führte die Eurythmiebegleitung aus. Frau Ilse Priess-Kändler und Frau Hedwig Diestel unterrichteten Eurythmie und Handarbeit. Frau Lucie Krahlemann gab Heileurythie. Dr. Rascher und Dr. Thylmann waren Schulärzte. Herr Roberto Sobeczko gab Unterricht in Werken und Malerei. Als ich für eine Jacke, die ich selber gemacht hatte, besondere Knöpfe haben wollte, fragte ich ihn um Rat. Und ich erinnere noch heute die Sorgsamkeit, mit der er mir ein Stück Ebenholz in die Hand legte und mir Kostbarkeit, Herkunft und Eigenarten des Holzes beschrieb, mich dann auch bei Formgebung und Bearbeitung kundig beriet. Er war besonders beliebt als Vertretung. Dabei pflegte er immer das Märchen vom tapferen Schneiderlein zu erzählen! Beatrice Müller war ein durch und durch künstlerischer Mensch! In Mexico aufgewachsen, konnte sie lebendig von dem ganz anderen Leben dort erzählen, von üppigen Pflanzen im hellen Sonnenlicht, von farbig schillernden Kolibris am Fenster, die mit schwirrenden Flügeln ihre langen gebogenen Schnäbel tief in die Kelche grell farbiger Blüten senkten. Aus diesem Hintergrund gab sie anregenden Handarbeitsunterricht. Mit dem Chemielehrer, Herrn Harald Dähnhardt, war sie später verheiratet.
Herr Dähnhardt leitete auch häufig das Oberstufen-Orchester.
Dann gab es die Sonntagshandlungen, die meist Herr Müller hielt und zu denen ich jeden Sonntag ging und deren Worte mir bis heute vertraut sind.
Wenn ich in den ersten Jahren zur Schule ging, traf ich oft Herrn Priess und für den Rest des Weges nahm er mich an die Hand. In seiner Nähe war Geborgenheit.
Von der Schulzeit mit Heinz Müller noch einige Erinnerungen: Auf unseren Ausflügen in die Umgebung Hamburgs war immer Ernst Frank dabei, ein guter Freund von Heinz Müller. Er war Tischler und Holzbildhauer und kannte jedes Kraut. Wir liebten ihn sehr. Heinz Müller hatte die Fähigkeit, im richtigen Moment das Richtige zu tun. Wir waren in Schneverdingen in einer alten Mühle, als ein Junge mit dem Fahrrad stürzte und den Ellenbogen auskugelte. Herr Müller griff zu, und es war wieder gut. Trotzdem brachte er ihn zum Arzt. Der nur staunte, er hätte nach der langen Zeit es nicht mehr machen können, da alles geschwollen gewesen wäre.
Als 8. Klasse haben wir eine Ostpreußenreise gemacht. Von Kiel nach Pillau mit dem Schiff und über Fischhausen, Palmnicken bis nach Rauschen entlang der Samlandküste. Wir wollten hier am Strand Bernstein suchen und fanden auch viele kleine Stücke. Herr Müller kam zu allerletzt, und als wir unsere Beute zeigten, hatte er ein wunderschönes großes Stück gefunden. Keiner von uns hatte es gesehen.
Nach dem Schulende erzählte ein Schulfreund, dass er auf die Privatschule Jessel gehe und so kam ich auch dahin. Wir waren etwa zu fünft. Meine Freundin, Harriet Stöckmann, und ich die einzigen Mädchen in einer Jungenklasse.
Ein halbes Jahr bis Ostern waren wir "entgoetheschulisiert" und konnten auf Hamburger Oberschulen. Harriet ging aufs Lerchenfeld und ich in die Charlotte Paulsen Schule. Beide machten wir 1943 Abitur.

Erinnerungen von Frau Waltraut Wüst
mitgeteilt Anfang 2011
Als ich zu Ostern 1934 in die Freie Goethe-Schule zu Herrn Arthur Fuchs in die Klasse kam, da war mir die Schule schon etwas vertraut. Mein Vater war bereits mit neunzehn Jahren Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft geworden. Und so hatten wir schon manche Veranstaltung der Freien Goethe-Schule in unserer Aula besucht. Die Oberuferer-Weihnachtsspiele wurden zum Beispiel nie versäumt! Und daheim versuchten wir, verkleidet Einiges nachzuspielen.
Schon vor der Saaltüre schlüpfte ich meinem Vater davon und versteckte mich rechts in einer der vorderen Fensternischen. Wenigstens einmal wollte ich das kleine Christkind doch gesehen haben, wenn Maria es in ihren Armen bei den Umgängen trug! Jedesmal hatte mein Vater dann seine Mühe damit, mich wieder einzufangen und auf den Platz neben sich zu bugsieren!
Es verging selten ein Monat ohne eine Monatsfeier! Gewisse Gewohnheiten hatten sich heraus-gebildet. Frau Dr. Meyer-Fröbe zum Beispiel führte mit den Musikanten ihrer Klasse stets Musik auf. Wir Schüler erschienen zu jeder Feier in festlicher Kleidung, das war selbstverständlich. Und wir sahen mit ehrfürchtiger Bewunderung zu den älteren Schülern und ihren Beiträgen auf! Und welcher Stolz erfüllte mich, als ich bereits in der fünften Klasse unter der Leitung von Herrn Dietrich Steinmann im Schulorchester bei der Ouvertüre zur Entführung aus dem Serail, von Wolfgang Amadeus Mozart, die dritte Geigenstimme mitspielen durfte!
Während meiner Tätigkeit später an der Schule habe ich mich oft gefragt, und es ist heute auch wohl kaum zu glauben, was Herr Steinmann damals leistete: Musikunterricht wohl in allen Klassen, Mittelstufen-Chor und Schul-Orchester, Eltern-Chor und viele Stunden Eurythmie-Begleitung! Wie er das alles hat bewältigen können? Es ist mir immer noch ein Rätsel! An einem Abend in der Woche nahmen auch meine Eltern am Eltern-Chor teil.
Wie haben wir die Weihnachtsspiele geliebt! Jedes Jahr das große Raten, wer war was? Herr Altemüller hatte eine etwas verwachsene Schulter und führte die Hilfsklasse. Er war der Teufel im Paradeisspiel. Frau Kändler-Priess war die Maria. Sie unterrichtete Eurythmie, Englisch und Handarbeit. Und Frau Kändler-Priess hatte ich ganz besonders ins Herz geschlossen! Frau Diestel war ich für Handarbeit zugeteilt worden. Aber vor jeder Handarbeitsstunde schloss ich mich anfangs der Gruppe von Frau Kändler-Priess an. Wenn ich von ihr zur Rede gestellt wurde, wusste ich nichts anderes zu sagen, als: "Ich will aber bei dir sein!" Ich wurde dann aber stets mit guten Worten wieder zur Gruppe von Frau Diestel geschickt. Bis beide es wohl leid waren, und ich in der Gruppe von Frau Kändler-Priess bleiben durfte. Nach dem Tode ihres ersten Mannes erzählte mir Frau Kändler-Rolofs viele Jahre später diese Episode. Als die Schule hatte schließen müssen, hatte Herr Rolofs an der Lohmühlenstraße ein Labor. Er arbeitete an Fragen der Blutkristallisation, und Ilse Kändler-Roloffs betrieb Heileurythmie.
Wieder zurück zur Goethe Schule! Das Sommerfest war jedes Jahr ein großes Ereignis! Bei schönem Wetter fand es auf dem Fabrikgelände von Herrn Pohlmann am Ziegeleiweg 50, heute "Am Stadtrand", statt. Dort lagen neben den Fabrikhallen auch das Haus der Familie Pohlmann und Wohnungen für einige seiner Mitarbeiter. Auf dem großen Gelände gab es mehrere Teiche. Während des Festes durfte man mit Booten auf den Teichen fahren. An vielen Stellen waren kleine Stände mit Erfrischungen errichtet. Wir konnten Eierlaufen, Sackhüpfen, an Fäden kleine Gewinne ziehen, Ringe über Stäbe werfen; es gab eine Kasperbude, an einer Stelle sang der Eltern-Chor. Hier führte eine Klasse ein Singspiel mit Reigen auf, dort hatte sich ein Lehrer als Clown verkleidet und machte seine Späße.
Regnete es, dann blieben wir in der Schule und auf dem Schulhof begann das lebhafte Durcheinander! Einmal allerdings war Ingrid Reinker (aus der Klasse von Frau Dr. Meyer-Fröbe) von der hohen Kletterstange abgestürzt, als sie nach den Gewinnen griff, die von einem großen Reifen an Wollfäden herabhingen. (Ingrid Reinker, die spätere Frau Dr. Küstermann, erinnerte kürzlich : "Das kriegt man auch nur als Kind fertig: von solcher Höhe herunter zu fallen – und sich nichts zu brechen!") Eine schmerzhafte Erinnerung an das muntere Treiben.
Am Ende des Festes waren wir alle glücklich erschöpft. Mühselig schleppten wir uns die weiten Fußwege nach Hause. Mit der Straßenbahn wäre es für uns und manche andere Familie zu kostspielig geworden. Und die Kleinen mussten dann oft getragen werden.
Es gab aber auch immer wieder Gelegenheiten zu unterhaltsamen Streichen für uns! Zum Beispiel hatten wir in größeren Gruppen Geigenunterricht bei Herrn Uebelacker, dem Mann einer Lehrerin. Wir mochten ihn eigentlich sehr gern. Er war ein besonders origineller und humorvoller Sternsinger bei den Weihnachtsspielen und schrieb viele sehr schöne Gedichte! Beim Dirigieren schlug er mit der Rechten den Takt ziemlich ruckartig hoch und runter, wobei sein Doppelkinn in heftige Erschütterung geriet.
Den Geigenchor unterrichtete er im Wandsebau, im unteren Eurythmiesaal. Wir standen als große Gruppe da vor der Tür. Oben an der Treppe ein, zwei "Wächter". Sobald Herr Uebelacker an der Tür zum Flur auftauchte, hieß es: "Achtung! Übi kommt!", und die Gruppe rannte los, durch den unteren Flur Richtung Haupthaus, vor dem Ausgang linksrum und die Treppe hoch, im ersten Stock zurück durch den Wandsebau, die Treppe hinunter! Und jedes Mal lief "Übi" uns hinterher, bis wir nach ein paar Runden genug hatten und harmlos tuend vor dem unteren Eurythmiesaal warteten. Den Unterricht hatte er perfekt vorbereitet! An der linken fensterlosen Wand waren die einzelnen Geigenstimmen, jede Geigensaite in einer eigenen speziellen Farbe in sorgfältiger, großer Notenschrift, mit Zahlen für die Finger darunter, auf entsprechend breiten Papierbahnen angeheftet. Davor standen wir so gestaffelt in Reihen, dass möglicher Verletzung durch die Bogenspitzen vorgebeugt wurde. Immer wieder erklang seine Mahnung: "Obacht! Augen!"
Ganz anders der Einzelunterricht in einem kleinen Raum. Das Pult stand schon da. Darauf stellte ich zunächst das Notenheft. Dann nahm ich gemütlich auf einen Stuhl ihm gegenüber Platz und begann zu erzählen, was ich die Woche über erlebt hatte. So ungefähr nach einer halben Stunde fragte er: "Was hattest du denn aufgehabt?" Ich nannte immer mein Lieblingsstück, den Jägerchor aus dem Freischütz. Niemals erfolgte Widerspruch!
Gern wäre mein Vater selber Lehrer geworden. Und er war wirklich ein phantastischer Pädagoge! Aber weder seine Eltern noch er selber hätten je das Geld für die Ausbildung aufbringen können. So wurde er Maschinenbauer.
Entsprechend gering war das Einkommen. Um den Unterricht für die Kinder zu ermöglichen, wohnten wir äußerst bescheiden. Es gab einen Wasserhahn in der Küche über dem Spülbecken, kein Badezimmer. Zwei Zimmer konnten mit einem Ofen geheizt werden, das Schlafzimmer nicht. Das blieb im Winter so kalt, dass wir morgens oft Eisblumen an den Fenstern hatten.
Dann erlitt unser Vater an einer Maschine einen Unfall, er verlor zwei Finger der rechten Hand, wurde aber nicht entlassen. Denn er hatte bereits zuvor über mehrere Semester mit Erfolg an Kursen für Kaufmännisches Rechnen und Buchhaltung und für Technisches Zeichnen teilgenommen. Die dabei erworbenen Kenntnisse kamen ihm nun zu gute, so dass er in der Betriebsleitung eine Stellung erhielt. Als Autodidakt suchte er in den Abendstunden ständig, seine Kenntnisse auf vielen Gebieten zu erweitern. Aber das Einkommen reichte immer nur knapp für die Familie hin. Hier muss aber angefügt werden, dass unsere Mutter so umsichtig mit dem wenigen Geld umzugehen wusste, dass die Familie immer gut versorgt war! Und gelegentlich konnte sie dennoch am Monatsende einer befreundeten Familie mit einer kleinen Leihgabe zur Überbrückung aushelfen!
Die Schule benötigte dringend die Einnahmen aus den Elternbeiträgen. Und diese aufzubringen, fiel vielen Eltern ebenso schwer wie meinen Eltern. Da wir in denselben Schwierigkeiten steckten, entschloss sich mein Vater, die Schule zu unterstützen. Mit einer Liste suchte er einmal im Monat Eltern auf, die nicht gezahlt hatten, und bat um die Entrichtung des Schulgeldes. Da viele Eltern ihn kannten und wussten, dass es ihm mit seinen Kindern genauso ging wie ihnen selber, hatte er mit dieser "Sammlung" oft Erfolg.
Wollten die Eltern mit uns Kindern am Wochenende einen Ausflug machen, dann musste von ihnen lange hin und her überlegt und gerechnet werden. Dennoch hatten wir Kinder nie das Gefühl, wir würden etwas entbehren müssen! Meist taten sich zwei befreundete Familien zu einem Ausflug zusammen. Mit Straßenbahn, S-Bahn, manchmal sogar mit dem Dampfzug ging es hinaus aus der Stadt. Das Ziel wurde dabei meist so gewählt, dass die Stadt beim Rückweg auf weiter Wanderung nach Möglichkeit wieder erreicht werden konnte. Und mit den anderen Kindern zusammen kamen wir voll auf den ersehnten Genuss an Unterhaltung und Vergnügen. Manchmal kam es vor, dass die Mütter vor einem Schokoladenautomaten stehen blieben und sich berieten: Eine Tafel Schokolade für 30 Pfennige? Für jeden einen Riegel? Können wir es uns leisten? Oder besser doch verzichten? Essen und Getränke wurden im Rucksack von zu Hause mitgenommen. Ein Gasthaus aufzusuchen, wäre unmöglich gewesen. Es hätte die Familie über Wochen in Geldnot gebracht.
Ganz unvergesslich alle Geburtstage und Jahresfeste daheim! Weihnachten - auf dem reich bestückten Gabentisch fand sich doch stets mindestens eines der sehnlich gewünschten Dinge! Und der Weihnachstmann kam Jahr für Jahr zu uns.
Mit seinem vollen weißen Bart und dem kostbaren roten Gewand war er für uns ganz und gar Wirklichkeit. Und wie sicher er in unserer Familiengeschichte Bescheid wußte! Bis in manche Kleinigkeit hinein kannte er alles, was geschehen war! Nur unseren Vater, den hatte er leider nie angetroffen. Der war jedes Jahr wegen irgendeiner einer wichtigen Angelegenheit unterwegs gewesen. Wenn der Vater, kurze Zeit nachdem der Weihnachtsmann gegangen war, in seinem guten Anzug in die Wohnung zurückkehrte, dann hatten wir ihm ja alles zu berichten, was der Weihnachtsmann gesagt und gebracht hatte. Und manchmal schilderte Vater uns, wie er den Weihnachtsmann gerade eben noch mit seinem schwer bepackten Esel habe um eine Ecke oder unter einer Brücke habe in Schnee oder Nebel entschwinden sehen. Als wir Kinder einmal Weihnachten schwer krank zu Bett lagen, erzählte Vater, dass es dem Weihnachtsmann auch immer schwerer werde, all die Kinder aufzusuchen. Und da habe er inzwischen manche Eltern gebeten, ihm zu helfen und ihm Arbeit abzunehmen. Auch Vater und Mutter hätten nun übernommen, für unsere Geschenke und das Fest zu sorgen. Dass unser Vater den guten Anzug bei Freunden in der Nähe gegen Bart und rotes Gewand umgetauscht haben könnte - nein, eine solche Vermutung hat uns Kinder nie unsicher machen können.
Und Geburtstage in der kleinen Wohnung mit all unseren Freunden - welch ein Vergnügen! - welch eine Freude! Und alle waren bis zum Ende ganz aufgeregt. Denn am Schluss kam das heißgeliebte Kaspertheater. An einer Tür wurde die untere Hälfte mit einer dunklen Decke verhängt, und unser Vater spielte alle Rollen allein mit den Puppen und in den verschiedensten Stimmen. Vieles entwickelte er spontan aus dem, was er am Nachmittag aus unseren Gesprächen und Spielen aufgeschnappt hatte!
Und vor allem war es aber die Freie Goethe-Schule, in der wir Schüler so viel Schönes erlebt hatten! Mit dem 1939 erzwungenen Wechsel an Volksschulen war diese wunderbare Erlebniswelt wie weggebrochen. Zwar hatte ich großes Glück gehabt: ich kam zu einem Lehrer, der nicht nur besonders freundlich und humorvoll, sondern auch tüchtig war. Als mein Bruder nach dem traurigen Wechsel auf eine Volksschule (An Oberschulen durften Schüler der Freien Goethe-Schule nicht aufgenommen werden!) nicht recht etwas lernte und mein Vater sich beim Lehrer danach erkundigte, erfuhr er von ihm: "In meiner Klasse habe ich 66. Wenn Sie selber Ihrem Sohn nichts beibringen können? Ich kann es bei solcher Schülerzahl auch nicht!" Die Verhältnisse in den Kriegsjahren waren eben nicht einfach an den Schulen. Schließlich bekam ich aber die "Mittlere Reife"!
Die Luftangriffe auf Hamburg nahmen immer mehr zu! Auch unsere Wohnung und fast der ganze Straßenzug ging 1943 während der Bombenangriffe zugrunde. Wohin nun? Die Familie verbrachte gerade Ferien in der Lüneburger Heide und blieb auch vorerst dort. Ich selbst war im sogenannten "kulturellen Kriegseinsatz" in Ostoberschlesien und konnte dadurch meine Geige retten. Dann schuf Hans Pohlmann Rat! Er hatte, nachdem sein Haus durch Bomben zerstört worden war, auf seinem Grundstück ja nicht nur zwei Holzhäuser für seine Familie errichtet, sondern auch Wohnraum für einige Mitarbeiter in Form von Behelfsheimen geschaffen, außen mit Betonplatten, innen in Rahmenzellenbauweise mit Teerpappendach. Da erhielten wir beengte Unterkunft. Aber das war unsere Familie ja schon von jeher gewohnt und wir waren glücklich! Ich durfte sogar im Gefolgschaftsraum, einer Halle für Versammlungen der Arbeiter, Geige üben. Und meinen Vater stellte Herr Pohlmann 1944 als Prokuristen ein. In dieser Stellung blieb er auch nach dem plötzlichen Tode von Hans Pohlmann 1947, bis er 1951 die Geschäftsleitung der Rudolf Steiner Schule übernahm und bis 1970 ausübte. So wurde die Freie-Goethe Schule ja mit dem Wiederbeginn 1946 benannt. Herr Pohlmann und mein Vater kannten einander bereits seit Jahrzehnten als Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft. Und all die Jahre spielte mein Vater in den Weihnachtsspielen mit (Teufel, Gallus, blauer König, Herodes)!
Mein Vater hatte später miterleben müssen, wie das Bauunternehmen von Hans Pohlmann während der Leitung seines Sohn Hans Adolf mehr und mehr zurückging und schließlich ganz einschlief, als Hans Adolf seinen Aufenthalt nach Nordafrika verlegt hatte.
In den Räumen der Lichtwarkschule hatte ich an der Lehrerbildungsanstalt begonnen. Pflichtfächer waren Klavier und Geige! Das hatte ich ja glücklich getroffen! Da nahm ich gern in Kauf, dass wir nachts regelmäßig zum Luftschutzdienst eingeteilt wurden!
Das Kriegsende verursachte einen tiefen Einschnitt für mich, wie für viele andere, im Ausbildungsgang. Die zuständige neue Oberschulrätin gehörte der SPD an. Sie wollte keine "Nazi-verdummten" Lehrer! Und ließ unsere Kurse auflösen. Das Abschlusszeugnis galt wieder als "Mittlere Reife"!
Schließlich fand ich Aufnahme am Charlotte Paulsen Gymnasium in Wandsbek. Mit mir waren andere Mitschüler von der Lehrerbildungsanstalt dort. Wir hatten uns als Lerngemeinschaft an der Charlotte Paulsen Schule eben eingelebt, die sechswöchige Probezeit auch bestanden, da erreichte uns in einer Pause die Anordnung der Oberschulrätin, wir hätten die Schule innerhalb einer Stunde zu verlassen.
Mein Vater erreichte dann bei der Schulbehörde, dass wir an die Elise Averdieck Schule in den Hauswirtschaftlichen Zug, zwar mit einem Jahr Rückversetzung, aber immerhin aufgenommen wurden. Ich stand also zum dritten Mal vor der "Mittleren Reife"! Da wagte ich den Alleingang. Die Staatliche Musikschule war in den Bombanangriffen zerstört worden. Deshalb konnte damals das Studium nur auf privatem Wege durchgeführt werden. Bei einem Violinisten der Hamburger Philharmoniker bewarb ich mich mit Erfolg um Unterricht und legte 1948 das Staatsexamen für Privat-Musiklehrer ab. Schon gleich nach dem Kriegsende hatte ich regelmäßig in den Orchestern mitgespielt, die Gisela Janssen leitete. Wenn ich im Augenblick daran denke, dann sehe ich sie in ihrer lebhaften, eindringlichen Bewegung vor mir, wenn sie mit vollem Einsatz dirigierte! Mit Mozart-Messen, Bach-Kantaten und -Passionen ging es in viele Kirchen Hamburgs, am häufigsten in den Walddörfer Gemeinden.
Mein Vater hatte ja 1951 die Geschäftsführung der Rudolf Steiner Schule angetreten, als deren Schulvereinsvorstand gemeinsam mit der Elternschaft die Gründung einer zweiten Waldorfschule im Westen Hamburgs zu planen und im Verlauf der kommenden Jahres zu verwirklichen begannen. Bei Erwerb der Liegenschaft und Umbau der geräumigen Villa kamen die Erfahrungen meines Vaters im Baugewerbe sehr zur Geltung.
Wenn man bedenkt, welche Mühe noch in den 50er Jahren mit allem Geldverkehr verbunden war! Die Gehälter für die Wandsbeker und Nienstedtener Lehrer wurden von meinem Vater von der Bank abgeholt. Dann musste der zuvor handschriftlich für jeden einzelnen errechnete Betrag in die mit dessen Namen mit der Hand beschriftete Lohntüte verpackt werden. Und jeder Lehrer in Wandsbek holte seine Lohntüte im Büro ab.
Die Gehälter der Nienstedtener Lehrer trug mein Vater in einer riesigen schwarzen Ledertasche zum S-Bahnhof Wandsbeker Chaussee, fuhr bis Klein Flottbek, schleppte die schwere Tasche durch den Wesselhöft-Park bis zur Schule an der Elbchaussee 366! Mit so viel Geld unterwegs zu sein, man würde es heute gar nicht mehr wagen. Es ist ja auch nicht mehr nötig. Die Überweisungen werden, einmal eingerichtet, jeden Monat fast automatisch abgewickelt - wenn nicht irgendwo ein Computer streikt!
Anfang der 50er Jahre wurde die Schulbehörde zunehmend darauf aufmerksam, welch große Schülerzahl die Rudolf Steiner Schule Hamburg-Wandsbek besuchte. Bei Überprüfung des Zustandes der nur provisorisch benutzbar gemachten Ruine traten solche Mängel zutage, dass das Haupthaus geschlossen werden musste. Glücklicherweise konnte mein Vater für die angehenden Verhandlungen über die Sanierung, eigentlich den Wiederaufbau, die Schule dank seiner Fachkenntnisse und Erfahrungen aus der Arbeit für Herrn Pohlmann, souverän vertreten.
Mit Geigenunterricht hatte ich inzwischen eine zahlreiche Schülerschaft gewonnen und aufgebaut und war im "Johanneum" und in der "Jugend-Musikschule“ tätig. Da fragte mich Fräulein Sewering Anfang der 70er Jahre, ob ich nicht den Instrumentalunterricht für größere Gruppen in der Schule übernehmen wolle. Sollte ich Lust haben, diese Aufgabe zu übernehmen, dann würde man mich gern zu einem Gespräch in die Schule einladen.
Meine Überlegungen trug ich Fräulein Sewering und Herrn Blume vor, die damals das Kollegium im Verwaltungsrat vertraten. Ich war der Meinung, ein solcher Unterricht müsste im 4. Schuljahr beginnen und im 5. und 6. Schuljahr fortgesetzt werden. Diese Klassenorchesterarbeit würde ich aufbauen und übernehmen wollen. Im 7. und 8. Schuljahr würde dann das Mittelstufenorchster folgen und mit dem 9. Schuljahr das Oberstufenorchester beginnen.
Und so geschah es dann. Und auch meine Nachfolger führen diese, über viele Jahre mit Freuden geleistete Klassenorchesterarbeit, zu meiner großen Freude ebenso weiter.
Im zweiten und dritten Schuljahr fing alles mit dem Einzelunterricht für das jeweilige Instrument an. Mir komme es darauf an, die Kinder im Unterricht nicht zu verplanen. Das wichtigste Ziel sei für mich, Liebe zur Musik zu entwickeln.
Und so geschah es dann! Über viele Jahre übten wir fleißig für alle Monatsfeiern, Elternnachmittage, Schulkonzerte und sonstige Schulfeiern, spielten auch in Altersheimen, zu Taufen und dergleichen. Und wir versuchten den Streicherklang allmählich mehr und mehr zu veredeln.
Da Sie danach fragen, an Herrn Steglich erinnere ich mich natürlich sehr gut! Gelegentlich konnte er recht aufbrausend sein! Häufig allerdings habe ich an seinen Vorträgen in der Wandsbeker Schule teilgenommen. Das war immer sehr interessant und lebendig. Insbesondere hatte er zu Richard Wagner wohl viel gearbeitet und vermochte dies in Sprache und am Klavier ausgesprochen sicher und anspruchsvoll darzustellen.
Meine Tätigkeit mit den Klassenorchestern an der Schule endete 1990. Es folgten dann noch Musikproben und Aufführungen zu Klassenspielen bis 1992, daneben allmählich auslaufender Einzelunterricht bis 2010.



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